Freiwillige Suchbrigade findet geheime Gräber in Veracruz

 

Die Gruppe bei der Präsentation am 22. April 2016 im Centro Prodh / Bildquelle: Videodokumentation

Die Gruppe bei der Präsentation am 22. April 2016 im Centro Prodh / Bildquelle: Videodokumentation

Von Gert Goertz

(Mexiko-Stadt, 7. Mai 2016, npl).- Zwei Wochen reichten aus, um zu finden, was die Regierung nicht finden will. Am 9. April kamen Mitglieder der „Nationalen Suchbrigade Verschwundener Personen“ (Brigada Nacional de Búsqueda de personas desaparecidas) in den Bundesstaat Veracruz. Am 22. April präsentierten sie in den Räumlichkeiten des Menschenrechtszentrums Miguel Agustín Pro Juárez in Mexiko-Stadt ihre Ergebnisse: Nur acht Kilometer von den Grenzen der 200.000 Einwohnerstadt Córdoba entfernt, fanden sie in 15 verschiedenen, nahe beieinander gelegenen klandestinen Gräbern Kleider- und Knochenreste mit Brandspuren. Sie gehören mit hoher Wahrscheinlichkeit zu verschwundenen Personen. Die Brigade fordert, dass das international anerkannte Argentinische Team für Forensische Anthropologie (EAAF) die Knochenreste identifiziert.

Staatsanwaltschaft: Funde seien nur „Holz- und Kunststoffreste“

Die Hoffnung, ansatzweise Hilfe von den Behörden in Veracruz zu bekommen, musste die Brigade schnell aufgeben. Die Autoritäten hatten nach den ersten Knochenfunden nicht einmal die Informationen ihrer eigenen Forensiker*innen abgewartet. Sie behaupteten einfach in einer staatsanwaltschaftlichen Mitteilung, es handele sich „um Holz- und Kunststoffreste“.

Die Mitglieder der Brigade sprachen daraufhin von einer „Beleidigung unserer Intelligenz” und kündigten jegliche Zusammenarbeit mit der lokalen Staatsanwaltschaft auf. Angesichts der eindeutigen Funde musste letztere ihre Behauptung wenig später zurücknehmen.

Versuch, die Wirklichkeit zu leugnen

Der Versuch, die Wirklichkeit zu leugnen, verstärkt das Misstrauen der Bevölkerung in die eigene Regierung. Immer wieder gibt es in Veracruz Anschuldigungen, Teile der Regierung arbeiteten direkt mit dem organisierten Verbrechen zusammen oder deckten dieses zumindest. Initiativen wie die Suchbrigade genießen dagegen wesentlich mehr Glaubwürdigkeit.

So war es kein Zufall, dass die Mitglieder bereits nach vier Tagen bei ihrer Suche einen ersten Erfolg vermelden konnten. Ihnen waren anonyme Hinweise zugegangen, wo sich das Drogenkartell der „Zetas“ möglicherweise seiner ermordeten Opfer entledigen würde. Nach einigen Tagen schlossen sich der Brigade Mütter an, die nach ihren verschwundenen Kindern forschen. In den Räumen einer Pfarrei übergaben Familienangehörige Verschwundener den Freiwilligen weitere Hinweise.

Suchbrigade macht die Arbeit der Regierung

Die Brigade hat eine klare Zielsetzung: „Wir suchen keine Schuldigen, wir suchen Verschwundene“. Die Freiwilligen kommen bisher aus den sechs Bundesstaaten Guerrero, Coahuila, Sinaloa, Tamaulipas, Morelos und Baja California. Dort arbeiten sie in lokalen Suchorganisationen und haben Erfahrungen gesammelt. Oft bei der Suche nach eigenen Familienangehörigen. In allen genannten Bundesstaaten ist das Verschwinden lassen von Personen ein fast alltägliches Problem. Genauso wie die Untätigkeit der staatlichen Autoritäten auf Bundes-, Bundesstaats- und Kommunalebene.

Diese Arbeit „müsste die Regierung machen, aber sie hat keine Lust, es zu tun”. So zitiert die Journalistin Eirinet Gómez, die zusammen mit ihrer Kollegin Alma Muñoz die Gruppe in Veracruz mehrfach begleitete, ein männliches Mitglied der Suchbrigade. Der Mann kommt von dem Zusammenschluss „Die Anderen Verschwundenen“ aus Guerrero. Er und seine Mitstreiter*innen kündigten an, die Knochenreste notfalls auf dem Schreibtisch der Generalbundesstaatsanwältin Arely Gómez auszubreiten.

1.550 offiziell registrierte Fälle von Verschwundenen

In Veracruz sind 1.550 Fälle von Verschwundenen registriert. Die Dunkelziffer, wird befürchtet, ist wesentlich höher. Allein in der Umgebung von Córdoba, der Heimatstadt des amtierenden Gouverneurs Javier Duarte, gibt es seit Anfang 2015 mehr als 300 Anzeigen wegen verschwundener Personen. Duarte ist in den inzwischen fast sechs Jahren als Gouverneur zum Symbol für Zynismus, Korruption, Skandale und Gewalttätigkeit in Veracruz geworden.

Ein Video von der Präsentation der Ergebnisse der Brigade (auf Spanisch), kann hier angesehen unter heruntergeladen werden kann.

Stand: 10.05.2016

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