150.000 Opfer der Franco-Diktatur gelten in Spanien nach wie vor als „verschwunden“. Sie liegen auch Jahrzehnte nach dem Ende der Diktatur noch in anonymen Gräbern im ganzen Land verscharrt.

 

 

Von Shelina Marks

Die sterblichen Überreste des Korbflechters Antonio Fernández nach der Exhumierung. Er wurde bereits 1936 von Franco-Milizen ermordet. Foto: Bodo Marks

Die sterblichen Überreste des Korbflechters Antonio Fernández nach der Exhumierung. Er wurde bereits 1936 von Franco-Milizen ermordet. Foto: Bodo Marks

Der Verein zur Wiedergewinnung des historischen Gedächtnisses (Asociación para la Recuperación de la Memoria Histórica, ARMH) hat es sich zur Aufgabe gemacht, Familien bei der Exhumierung ihrer Angehörigen zu helfen. Er bricht damit ein Tabu, das die spanische Gesellschaft seit Jahrzehnten prägt.

Mithilfe von etwa 500 Freiwilligen recherchiert die ARMH Einzelfälle in ganz Spanien, dokumentiert sie und führt die Exhumierungen in Eigeninitiative durch. So auch diejenige von Antonio Fernández, genannt „El Cesterín“. Der 24-jährige Korbflechter wurde in der Nacht des 9. Oktober 1936 von Franco-Milizen aus seinem Haus in einem Bergdorf nahe Ponferrada abgeführt, brutal ermordet und in einem Feld neben der Straße vergraben. Seine Söhne Constantino und Antonio, damals anderthalb Jahre und zwei Monate alt, wuchsen in dem Glauben auf, ihr Vater sei bei einem Nachbarschaftsstreit ums Leben gekommen. Aus Angst vor Repressalien verschwieg ihre Mutter ihnen den wahren Grund.

Mehr als 70 Jahre sollte es dauern, bis der Enkelin des Ermordeten, Adriana Fernández, Zweifel an der offiziellen Familiengeschichte kamen. Sie begann, von ihrem Heimatland Argentinien aus zu recherchieren und stieß bald auf Beweise, die ihre Zweifel bestätigten.

Am 7. Oktober 2011 reiste sie gemeinsam mit ihrem Vater Constantino und ihrem Onkel Antonio nach Spanien, um die Exhumierung ihres Großvaters zu begleiten.

 Hintergrund

Am 17. Juli 1936 putschte General Francisco Franco gegen die Zweite Spanische Republik. Im darauf folgenden Bürgerkrieg kamen Schätzungen zufolge weit mehr als 200.000 Menschen ums Leben. Viele von ihnen fielen dem Terror im zivilen Hinterland zum Opfer. Verschwindenlassen, Folter und Mord gehörten für die Zivilbevölkerung zum Alltag. Nach Francos Sieg gegen die republikanischen Truppen 1939 etablierte General Franco eine Militärdiktatur, die erst am 19. November 1975 endete, als er eines natürlichen Todes starb. Seitdem kämpfen die Angehörigen der Opfer um Anerkennung durch den spanischen Staat.

Die meisten Opfer der republikanischen Truppen wurden während der Franco-Zeit geborgen und begraben. Den Opfern Francos dagegen wurde ein Begräbnis verwehrt. Von ihnen liegen noch heute, 77 Jahre nach dem Beginn des Bürgerkriegs, hunderttausende Menschen in Straßengräben, auf Äckern und unter Spielplätzen verscharrt, ohne dass sich der spanische Staat für sie verantwortlich fühlt. Der „Pakt des Schweigens“ von 1977 sollte Politik und Gesellschaft in demokratische Bahnen lenken. Der Preis dafür war die Tabuisierung der Vergangenheit.

Vor ein paar Jahren begannen die Enkel der Franco-Opfer, ihre Angehörigen selbst zu exhumieren. Sie begeben sich damit nicht nur auf die Suche nach ihrer eigenen Identität; sie tragen auch dazu bei, dass in Spanien nach und nach ein kollektives Gedächtnis entsteht und eine längst überfällige Aufarbeitung der Vergangenheit beginnt.

  • Von der Suche nach ihren Angehörigen und der Suche nach der eigenen Identität handelt auch der Dokumentarfilm „Las Cuentas. In den Straßengräben Spaniens“ von Shelina Islam und Bodo Marks. Trailer ansehen.

Stand: 11.06.2016

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