Eilaktionen
Eilaktion: Libyen | Verschwundener Abgeordneter mit Folterspuren auf Video zu sehen
Seit dem 16. Mai 2024 ist der libysche Parlamentsabgeordnete Ibrahim al-Dersi spurlos verschwunden. Amnesty International bittet um das Versenden einer Eilaktion zur Aufklärung und Offenlegung seines Verbleibs.
Al-Dersi hatte vor seinem Verschwinden an einer Militärparade der selbsternannten Libysch-Arabischen Streitkräfte (LAAF) in Bengasi teilgenommen. Ein Jahr später tauchten verstörende Videos auf, die al-Dersi in einem fensterlosen Raum mit sichtbaren Folterspuren und einer schweren Eisenkette um den Hals zeigen. Al-Dersis Fall reiht sich ein in eine systematische Praxis der LAAF und ihrer Milizen, politische Gegner*innen und Journalist*innen durch Entführungen, Folter und willkürliche Inhaftierungen zum Schweigen zu bringen – häufig unter vollständiger Missachtung rechtsstaatlicher Prinzipien. Amnesty International fordert die sofortige Offenlegung von al-Dersis Verbleib und die strafrechtliche Verfolgung aller Verantwortlichen. Auch die EU hat sich bereits besorgt zu dem Fall geäußert. Beteiligung bis zum 01.12.2025.
Eilaktion: Venezuela | Ein Jahr nach Wahl hunderte Menschen inhaftiert und verschwunden
Amnesty International sucht Unterzeichner*innen einer Eilaktion für die Freilassung willkürlich Inhaftierter in Venezuela.
Zwischen dem 29. Juli und dem 7. August 2024 wurden nach den venezolanischen Präsidentschaftswahlen mehr als 2.000 Menschen festgenommen, weil sie protestiert hatten oder als regierungskritisch galten. Laut Angaben der NGO Foro Penal sind seither noch immer rund 900 Personen willkürlich inhaftiert. Laut Amnesty wurden ihnen systematisch ihre Verfahrensrechte verweigert, viele wurden gefoltert, über lange Zeiträume ohne Kontakt zur Außenwelt festgehalten und nicht angemessen medizinisch versorgt. Zahlreiche Menschen wurden außerdem Opfer des gewaltsamen Verschwindenlassens. Beteiligung bis zum 11.10.2025.
Länderberichte | Afrika
Libyen | Massengräber entdeckt
In Libyen wurden über 80 Leichen in verschiedenen Haftanstalten entdeckt, die betrieben werden vom Stabilization Support Apparatus (SSA), einer bewaffneten Einheit mit Verbindungen zur Regierung in Tripolis. Schon länger steht diese Gruppe unter dem Verdacht, Folter, außergerichtliche Tötungen und gewaltsames Verschwindenlassen zu begehen. UN-Hochkommissar für Menschenrechte Volker Türk forderte die sofortige Sicherung dieser Orte zur forensischen Untersuchung. Erst im Februar diesen Jahres wurden bereits Massengräber in Libyen gefunden, bei den Opfern handelt es sich überwiegend um Migrant*innen auf dem Weg nach Europa handelte. Trotz angekündigter Untersuchungen durch die libysche Einheitsregierung bleiben unabhängige Ermittlungen bislang aus.
Libyen/Sudan | Menschenrechtsaktivist in Libyen von sudanesischer Botschaft verschleppt
Der sudanesische Menschenrechtsverteidiger und Asylsuchende Mohammed Adam, bekannt als „Tupac“, wurde am 19. Mai 2025 von Mitarbeitenden der sudanesischen Botschaft in Tripolis verschleppt und ist seither verschwunden. Amnesty International befürchtet, dass Adam unmittelbar von Libyen nach Sudan zwangsweise zurückgeführt werden soll, wo ihm Folter und willkürliche Inhaftierung drohen. Die Organisation fordert die libysche Einheitsregierung (GNU) auf, umgehend Informationen über seinen Verbleib bereitzustellen, seine Freilassung zu veranlassen und seinen Zugang zum Flüchtlingshilfswerk der UNO (UNHCR) zu gewährleisten. Eine Rückführung würde gegen den völkerrechtlichen Grundsatz der Nichtzurückweisung (non-refoulement) verstoßen, da ihm im Sudan nachweislich schwere Menschenrechtsverletzungen drohen. Adam war im Sudan bereits 2022 im Rahmen von Protesten gegen den Militärputsch festgenommen und gefoltert worden.
In keinem afrikanischen Krieg verschwinden derzeit mehr Menschen als im Sudan. Die RSF-Miliz (Rapid Support Forces) verschleppte seit 2023 Tausende inhaftierte oder getötete Zivilisten, insbesondere in Darfur. Auch Yousif Hafize, der Ehemann von Kareema Adama, ist seither verschwunden. In der taz findet sich eine eindrückliche Reportage über die Suche Adamas nach ihrem Ehemann und die aktuelle Lage im Sudan. Viele Frauen schließen sich mittlerweile in Netzwerken zusammen, um Vermisste zu finden. Internationale Ermittlungen laufen, doch konkrete Hilfe fehlt oft.
Länderberichte | Europa & Nordamerika
USA / El Salvador | Venezolanische Migrant*innen abgeschoben
Am 15. März 2025 wurden 238 venezolanische Staatsangehörige von den US-Behörden nach El Salvador abgeschoben und ohne rechtliche Grundlage in das berüchtigte Hochsicherheitsgefängnis CECOT gebracht. Seither werden sie dort ohne Kontakt zur Außenwelt festgehalten. Human Rights Watch und andere Organisationen sprechen in diesem Fall von gewaltsamem Verschwindenlassen, da weder die US- noch die salvadorianischen Behörden die Identität oder den Verbleib der Betroffenen offenlegen. Dies zwingt Angehörige der Abgeschobenen dazu, sich lediglich auf Medienberichte und vage Hinweise zu stützen. Die Abschiebungen erfolgten unter dem Vorwand des Alien Enemies Act. Der Gesetz für Kriegszeiten von 1798 ermöglicht die Abschiebung von „Staatsfeinden“ ohne Gerichtsverfahren, viele der Inhaftierten haben jedch weder in den USA noch in Lateinamerika Vorstrafen. Beweise für eine Verbindung zur kriminellen Bande „Tren de Aragua“, auf die sich die US-Regierung beruft, wurden bislang nicht vorgelegt. Human Rights Watch fordert die sofortige Offenlegung der Namen und rechtlichen Grundlagen, sowie den Zugang der Betroffenen zu Familien und Rechtsbeistand, um deren Schutz gemäß dem Völkerrecht zu gewährleisten. Auch Amnesty International kritisierte anlässlich des Weltflüchtlingstags am 20. Juni das illegale Vorgehen der USA und El Salvadors. Mehrere internationale Menschenrechtsorganisationen haben außerdem Klage bei der Interamerikanischen Menschenrechtskommission eingereicht.
Länderberichte | Lateinamerika
Mexiko
Der UN-Ausschuss gegen das gewaltsame Verschwindenlassen (CED) aktivierte im April erstmals in der Geschichte Artikel 34 der UN-Konvention gegen Verschwindenlassen im Kontext der Funde der Massengräber von Teuchitlán (wir berichteten) und angesichts der allgemein alarmierend hohen Zahlen verschwundener Menschen in Mexiko. Diesem Artikel zufolge kann der CED einen Vertragsstaat um zusätzliche Informationen bitten, wenn ein begründeter Verdacht besteht, dass das gewaltsame Verschwindenlassen im Land systematisch oder in großem Umfang geschieht und kann die Situation danach dringend an die UN-Generalversammlung weiterleiten.
Über 127.000 Menschen gelten in Mexiko als verschwunden, mehr als 72.000 Leichname sind nicht identifiziert. Im nd berichtet Kathrin Zeiske, dass zivile Organisationen in Mexiko von einem „Pakt der Straflosigkeit“ sprechen, der das Verschwindenlassen fördert. Auch wenn viele Fälle des Verschwindenlassens nicht von der Regierung selbst ausgehen, ist es der Staat der die Verbrechen deckt oder gar begründet, so diskutiert es zumindest der Anthropologe Claudio Lomnitz. Während die mexikanische Regierung den Schritt des CED als einseitig und unbegründet kritisiert und ihre Verantwortung abstreitet, sehen Expert*innen, Menschenrechtsorganisationen und Angehörige darin eine historische Chance: Mexiko könnte mit internationaler Unterstützung endlich wirksame Maßnahmen gegen die anhaltende Krise einleiten. Der Ausschuss betont, dass der Schritt kein Urteil, sondern ein Weckruf und ein Angebot zur Zusammenarbeit ist.
Länderberichte | Nahost
Iran | Innenpolitische Repressionswelle verschärft Risiko des Verschwindenlassens
Seit Beginn der israelischen Angriffe am 13. Juni 2025 hat Irans Regime eine Welle der Repression im Inneren entfacht. Mindestens 223 Menschen wurden laut offiziellen Angaben festgenommen – mutmaßlich wegen „Zusammenarbeit mit Israel“ oder ähnlicher vager Vorwürfe wie „Spionage“, „Verbreitung von Angst“ oder „Störung der psychischen Sicherheit“. Darüber hinaus nutzte das Regime die Situation um bereits inhaftierte politische Gefangene, wie Ali Younesi und Hamid Kashani, ohne jede Mitteilung an unbekannte Orte zu verlegen – ein klarer Hinweis auf das Risiko des Verschwindenlassens. Gleichzeitig verschärften Justiz und Parlament die gesetzlichen Grundlagen für Todesurteile, indem sie beschleunigte Verfahren forderten und neue Gesetze vorantrieben. Internationale Organisationen wie Amnesty International und Iran Human Rights zeigen sich alarmiert angesichts des Missbrauchs der Todesstrafe als politisches Repressionsmittel und warnen vor einer massiven Zunahme von Folter, Verschwindenlassen und Hinrichtungen unter dem Deckmantel des Ausnahmezustands. Besonders gefährdet sind afghanische Staatsangehörige im Iran, die zunehmend als entrechtete Zielscheibe staatlicher Gewalt erscheinen.
Internationaler Rahmen
CED | Artikel 34 der UN-Konvention gegen Verschwindenlassen erstmals aktiviert
Der UN-Ausschuss gegen das gewaltsame Verschwindenlassen (CED) aktivierte im April erstmals Artikel 34 der UN-Konvention gegen Verschwindenlassen gegenüber Mexiko (siehe Beitrag zu Mexiko in diesem Newsletter). Im Zuge der Aktivierung erläuterte der CED einige Details des Verfahrens nach Artikel 34 der Konvention. Dieser ermöglicht es dem Ausschuss, Informationen zum systematischen Verschwindenlassen in einem der Vertragsstaaten einzuholen und die Situation über den UN- Generalsekretär an die UN-Generalvollversammlung weiterzuleiten.
Die 28. Sitzung des CED fand vom 17. März bis 4. April 2025 in Genf statt. Kurze Berichte zu den überprüften Ländern Serbien, Gambia, der Zentralafrikanischen Republik, Belgiens und Malta finden sich hier und ausführlicher hier. Die 29. Sitzung ist für den 22. September bis 3. Oktober 2025 geplant, aufgrund der unklaren Finanzlage ist der Termin aber noch nicht endgültig bestätigt.
Der Ausschuss bittet um Beiträge und Kommentare zum Konzept für seine zweite Allgemeine Bemerkung (General Comment) über die Situation von Frauen, Mädchen und das gewaltsame Verschwindenlassen. Beiträge können bis zum 15.7.2025 eingereicht werden.
WGEID | Besuch in Bangladesch
Zwei Mitglieder der UN-Arbeitsgruppe gegen gewaltsames oder unfreiwilliges Verschwindenlassen (WGEID) besuchten Bangladesch Anfang Juni 2025 um sich über den aktuellen Stand der Aufarbeitung angesichts der zahlreichen Fälle systematischen Verschwindenlassens unter der Regierung von Sheikh Hasina zu informieren. Dabei erklärten sie die Übergangsregierung bei dieser Arbeit unterstützen zu wollen.
Die WGEID hielt außerdem vom 28. April bis 3. Mai 2025 ihre 136. Sitzung in Bangkok ab. Es wurden 1.189 Fälle aus 32 Ländern bearbeitet.
Weitere Informationen über die Arbeit der Arbeitsgruppe gibt es in ihrem Newsletter, dessen letzte Ausgabe hier zu finden ist.
Die 137. Sitzung der Arbeitsgruppe ist für den 15. bis 24. September 2025 in Genf geplant.
Nachlese
Feature | Graphic Novel »Schweigen«: Gegen das Verstummen
Die Graphic Novel „Schweigen“ von Birgit Weyhe erzählt die bewegenden Schicksale zweier Frauen, die im Kampf gegen Gewalt und Diktatur in Deutschland und Argentinien auf unterschiedliche Weise vom Schweigen betroffen sind. Im Zentrum stehen Ellen Marx, eine jüdische Emigrantin, deren Tochter Nora Marx während der argentinischen Militärdiktatur verschwindet, sowie Elisabeth Käsemann, die als politische Aktivistin aus Gelsenkirchen ebenfalls 1977 in Buenos Aires verschleppt und später ermordet wird. Weyhes Zeichnungen, die das Schweigen und die Gewalt eindrucksvoll spiegeln sind eine Anklage gegen das Vergessen und Beitrag zur Erinnerungskultur. In diesem Interview berichtet die Autorin vom Entstehungsprozess des Buches.
Film | Verschwindenlassen als Thema sowohl für Bildungsmaterial als auch bei den Oscars
In den letzten Monaten sind einige Filme zum Thema Verschwindenlassen erschienen. Hier eine kleine Auswahl:
Toshuka (2023, Mexiko): Eine Frau reist von Honduras zur Grenze der Vereinigten Staaten, um nach ihrem Sohn zu suchen – einem Migranten, der in Mexiko entführt wurde. Dabei entdeckt sie, dass die Krise der Verschwundenen in der Region weitaus größer ist, als sie je gedacht hätte.
Die UN-Arbeitsgruppe gegen gewaltsames oder unfreiwilliges Verschwindenlassen (WGEID) bietet ein gratis online streaming an (hier, Kennwort: TSKA_UN_2025) und lädt dazu ein, Filmvorführungen zu organisierten. Kontakt: @toshkuafilm oder impactacinedoc@gmail.com.
Desova (2023, Brasilien): Der Film beleuchtet die Folgen und Traumata im Leben von Müttern aus der Region Baixada Fluminense in Rio de Janeiro, die ihre Kinder – meist junge, afrobrasilianische Männer – durch Gewalt verloren haben, die von Polizei, Milizen oder Drogenkartellen ausgeht. Desova lief in Deutschland zuletzt bei mehreren Veranstaltungen und Festivals. Einen ausführlichen Bericht zu dem Kurzfilm sowie einen Radiobeitrag gibt es auf dem Portal von NPLA.
Für immer hier (2024, Brasilien): Der mit dem Oscar ausgezeichnete Film erzählt vom Schicksal der Verschwundenen während der brasilianischen Militärdiktatur.
Tomorrow We Continue (2022, Syrien): Der preisgekrönte animierte Kurz-Dokumentarfilm erzählt die Geschichte einer jungen syrischen Mutter im Exil, deren Mann von syrischen Sicherheitskräften verschleppt wurde, und beleuchtet das Trauma und die Widerstandskraft von Familien der Verschwundenen. Nach internationalen Festivalerfolgen wurde der Film erstmals in Syrien gezeigt und ist nun auf der Seite des International Center for Transitional Justice (ICTJ) weltweit online verfügbar.
Publikation | Lene Guercke, „Failure of the State“
Lene Guercke untersucht in ihrem Buch Failure of the State - Organised Crime and Mexico's Disappeared das Verschwindenlassen in Mexiko mit Schwerpunkt auf organisierte kriminelle Gruppen als Täter. Das Buch basiert auf Guerckes Doktorarbeit (hier auf Deutsch zusammengefasst) und enthält sowohl eine juristische Analyse staatlicher Verantwortung, wie auch die Ergebnisse einer qualitativen Studie basierend auf Interviews mit Menschenrechtsverteidiger*innen in Mexiko. Im Zentrum der Analyse steht die Schutzlücke in den internationalen Menschenrechtsnormen in Bezug auf Menschenrechtsverletzungen durch nichtstaatliche Akteure. Gleichzeitig diskutiert die Autorin anhand der Analyse des mexikanischen Kontexts den fehlenden Willen zum Schutz der Menschenrechte durch den Staat, sowie die fehlenden Grenzen zwischen Staat und Kriminalität, aus völkerrechtlicher Perspektive.
Das Buch kann hier kostenlos heruntergeladen werden.
Webinar | Was die USA von Lateinamerika lernen können
Gewaltsames Verschwindenlassen ist in den USA kein eigenständiges Verbrechen und auch kein bekanntes Thema. Doch jüngste Fälle, wie die Inhaftierung von 238 überwiegend venezolanischen Migrant*innen in einem Gefängnis in El Salvador ohne Gerichtsverfahren oder die plötzliche Festnahme einer türkischen Doktorandin in Boston, lassen Parallelen zu lateinamerikanischen Erfahrungen erkennen. Lateinamerika blickt auf eine lange Geschichte dieses Verbrechens zurück, aber auch auf engagierten Widerstand von Menschenrechtsaktivist*innen. Das Webinar „Lessons from Latin America as the United States Reckons With Enforced Disappearance“ des National Security Archive und des Washington Office on Latin America (WOLA), mit Beiträgen von Mercedes Doretti (Argentinisches Team für Forensische Anthropologie), Juan E. Mendez (Professor für Menschenrechtsrecht) und Marcela Turati (investigative Journalistin aus Mexiko) vom 30. April 2025 ist nun online verfügbar. |