In Mexiko haben Organisationen der Zivilgesellschaft zur Suche der Verschwundenen für Mitte März einen Tag der nationalen Trauer ausgerufen, nachdem die Guerreros Buscadores, organisierte Familienangehörige Verschwundener, zu Beginn des Monats mehrere Massengräber entdeckt hatten. Besonderes Aufsehen erregte der Fund eines Trainingscamps der Organisierten Kriminalität in Teuchitlán, unweit der Großstadt Guadalajara, in dessen Zusammenhang auch von einer Art Vernichtungslager die Rede war. Neben Verbrennungsstätten fanden sich dort verkohlte Knochenreste und etwa 200 Paar Schuhe, sowie 400 Kleidungsstücke. Die Funde bestätigen Berichte über sogenannte „Exterminierungszonen“, in denen Opfer des Verschwindenlassens spurlos beseitigt werden. Es handelt sich hierbei oftmals um zwangsrekrutierte Männer, die die Ausbildung zum Auftragsmörder nicht überlebt haben, doch auch Frauen finden sich unter den Opfern. Berichte Überlebender der Ranch Izaguirre von Teochitlán zeichnen ein erschreckendes Bild (z.B. hier und hier). Deutschsprachige Berichte über den Fall finden sich auf amerika21, in der FAZ (hinter einer Paywall) und der Welt.

Großes Unverständnis ruft auch die Tatsache hervor, dass der Ort den Behörden sowie der Nationalgarde spätestens seit September 2024 aufgrund einer Militäroperation bekannt war, jedoch keine weiteren Ermittlungen gefolgt waren. Erst im Januar deckte eine Studie der Universität Guadalajara auf, dass allein im Bundesstaat Jalisco zwischen 2018 und 2024 insgesamt 306 Staatsbedienstete direkt in Fälle von gewaltsamem Verschwindenlassen verwickelt waren. Mittlerweile hat die Bundesstaatsanwaltschaft den Fall übernommen, doch die Kritik reist nicht ab. Beweise seien nicht korrekt gesichert worden, stattdessen sei der Tatort mittlerweile „besenrein“. Ana Lorena Delgadillo, mexikanische Menschenrechtsverteidigerin und Mitglied der UN-Arbeitsgruppe gegen Verschwindenlassen, kritisiert in diesem Zusammenhang scharf die mexikanischen Staatsanwaltschaften und den derzeitigen Generalstaatsanwaltschaft Alejandro Gertz Manero. Dieser habe durch Änderungen an der geltenden Gesetzgebung Überwachungsmechanismen und Rechenschaftspflichten abgeschafft.

Auch die Reaktion von Regierungsseite und nicht zuletzt von Präsidentin Sheinbaum gegenüber den Angehörigen wurde als unsensibel und reviktimisierend wahrgenommen. Weiterhin leisten besonders die Angehörigen der Verschwundenen durch unermüdliche ehrenamtliche Arbeit einen bedeutenden Beitrag zur Aufdeckung der Verbrechen. Doch auch sie sind durch diese Arbeit massiven Drohungen und Gefahren ausgesetzt. Ein aktuelles Beispiel ist Héctor Aparicio Martínez der seit acht Jahren unermüdlich nach seinem verschwundenen Sohn José Alfredo Aparicio Delgado suchte. Seit dem 26. Januar 2025 ist auch er verschwunden. Er ist nicht der einzige: Zwischen 2011 und 2024 wurden in Mexiko 22 suchende Familienmitglieder ermordet, neun weitere gelten seit 2018 als verschwunden.

Laut Informationen des Staatsanwaltschaft von Sinaloa sind weiterhin auch unzählige Kinder Opfer des gewaltsamen Verschwindenlassens im Rahmen von Menschenhandel oder Zwangsrekrutierung durch kriminelle Organisationen. Zwischen dem 9. September 2024 und dem 9. Februar 2025 wurden in Sinaloa insgesamt 85 Minderjährige als verschwunden gemeldet, davon 22 allein in Mazatlán. Verschwinden dagegen migrantische Kinder und Jugendliche gibt es oftmals weder eine Registrierung noch Ermittlungen der zuständigen Behörden, wie eine Untersuchung des Proceso offenlegte.

All diese Entwicklungen zeigen, dass das Problem des Verschwindenlassens weit über individuelle Fälle hinausgeht und eine tief verwurzelte Struktur der Straflosigkeit offenbart. Wie die Suchkollektive dennoch ihre Arbeit fortsetzen, ist in einer ausführlichen Reportage über die Familias Unidas por la Verdad y la Justicia auf nd-online nachzulesen. Außerdem berichten Juan Carlos Lozada, der seit der seit 15 Jahren seinen Vater sucht und María Teresa Valdés von SERAPAZ in einem Interview der iz3w von ihren Erfahrungen bei der Suche.