An diesem Gedenktag können staatliche Institutionen nicht nur auf bloße Zahlen verweisen, sondern haben die Verantwortung, ausstehende Schulden zu begleichen indem sie jene internationalen Normen umsetzen, die auf nationaler Ebene noch nicht verabschiedet sind.

Celia Medrano   18. September 2020

Die Interamerikanischen Menschenrechtskommission (IACHR nach ihren englischen Initialen) hat nach einem Besuch in El Salvador im vergangenen Dezember große Sorge zur Menschenrechtssituation in Bezug auf dieses Thema zum Ausdruck gebracht. Außergerichtliche Hinrichtungen, Folter und Angriffe auf Oppositionelle oder Kritiker der staatlichen Sicherheitskräfte sollten Ereignisse der Vergangenheit sein, die mit dem Ende des bewaffneten Konflikts überwunden schienen. Doch die Friedensvereinbarungen und die Hoffnungen, die sie hervorriefen, reichten nicht aus, um den Widerhall der in unserer Gesellschaft noch immer vorhandenen Ängste auszulöschen. Der Geruch von Gewalt prägt nach wie vor den Alltag der Salvadorianer, die gezwungen sind, mit der Straflosigkeit der Vergangenheit und der Gegenwart zu leben.

Der 30. August wurde von den Vereinten Nationen auf Initiative der lateinamerikanischen Vereinigung von Angehörigen Inhaftierter-Verschwundener (FEDEFAM) zum Internationalen Tag der Opfer des gewaltsamen Verschwindenlassens erklärt. In ihrer Resolution 65/209 stellt die UNO 2010 fest, dass das gewaltsame Verschwindenlassen ein globales Problem ist, das nicht nur eine bestimmte Region der Welt betrifft. Militärdiktaturen waren einst hauptsächlich verantwortlich für die Praxis des gewaltsamen Verschwindenlassens. Heute finden diese Verbrechen in komplexen internen Konfliktsituationen weiterhin statt. Staaten lassen Menschen gewaltsam verschwinden, insbesondere als Methode der politischen Unterdrückung von Gegnern und in der Instrumentalisierung des Kampfes gegen den Terrorismus, die als Rechtfertigung für die Nichteinhaltung ihrer Verpflichtungen herangezogen wird.

Die Interamerikanische Menschenrechtskommission warnt, dass El Salvador noch keine internationalen Verpflichtungen zur Verhinderung und zum Schutz vor gewaltsamem Verschwindenlassen von Personen unterzeichnet oder ratifiziert hat. Die Kommission betont die Bedeutung, ein Gesetz zur Regelung der Exhumierungen auszuarbeiten, die im Rahmen von Ermittlungen im Zusammenhang mit dem Verschwindenlassen von Personen durchgeführt werden. Außerdem müssen die Rechte von Familienangehörigen im Zusammenhang mit Verbrechen von Verschwindenlassen und der Abwesenheit von Familienangehörigen geregelt werden. Die IACHR fordert den Staat auch dringend auf, die Interamerikanische Konvention zum Verschwindenlassen von Personen, die Internationale Konvention zum Schutz aller Personen vor dem Verschwindenlassen und die Konvention über die Nichtanwendbarkeit der Verjährung von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu ratifizieren.

Die Wahrheitskommission registrierte für den Zeitraum von 1980 bis 1992 in El Salvador 4.000 gewaltsam verschwundene Personen. Nichtregierungsorganisationen sprechen von höheren Opferzahlen, von zwischen 7.000 bis 9.000 Verschwundenen. Im Jahr 2019 überschritten die offiziellen Register von gewaltsam verschwundene Personen die Schwelle dessen, was die Weltgesundheitsorganisation als Epidemie betrachtet. Sie lagen bei einer Rate von mehr als 48 pro 100.000 Einwohner, was einem Durchschnitt von 10 Verschwundenen pro Tag entsprechen würde.

Wenn wir von der Brutalität bewaffneter Konflikte und gewalttätiger Gesellschaften sprechen, beziehen wir uns gewöhnlich auf die Zahl der direkten Opfer; wir denken nicht an die zurückgelassenen Mütter, Ehefrauen und Kinder, die jahrelang unter dem Verschwindenlassen leiden. Die Mütter und Angehörigen der Verschwundenen sichtbar zu machen, bedeutet, uns selbst sichtbar zu machen. Den Kampf für die Verschwundenen anzuerkennen, bedeutet anzuerkennen, dass dies auch unser Kampf ist. Diese Wunde in unserem Nächsten, unserer Nächsten, anzuerkennen, bedeutet auch anzuerkennen, dass dies eine Wunde von uns als Nation ist.

An diesem Gedenktag können staatliche Institutionen nicht nur auf bloße Zahlen verweisen, sondern haben die Verantwortung, ausstehende Schulden zu begleichen indem sie jene internationalen Normen umsetzen, die auf nationaler Ebene noch nicht verabschiedet sind. Als Gesellschaft haben wir eine Verpflichtung gegenüber den Opfern, gegenüber denjenigen, die überlebt haben und weitersuchen „bis wir sie finden“. Wir sind aufgerufen, immer an ihrer Seite zu stehen, uns an unsere Verschwundenen zu erinnern, zu verhindern, dass Straflosigkeit sie verleugnet, denn solange wir uns an sie erinnern, werden sie weiterleben.

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