Wenn das Verschwinden kurz zurückliegt, sind die Angehörigen oft sehr aktiv und haben viel Energie. Doch wenn die Zeit vergeht und die staatlichen Institutionen die Familienangehörigen durch ihre Behandlung oft selbst zu Opfern machen, hat das physische Auswirkungen. Die Suche ist permanent.

Gerold Schmidt   3. September 2020

 

Interview mit Sandybell Reyes von der mexikanischen Organisation Voces Mesoamericanas (VM), die ihren Sitz in der Stadt San Cristóbal im südöstlichen Bundesstaat Chiapas hat. Das Interview führte Gerold Schmidt am 4. August 2020.

G.S.: Ein Arbeitsbereich von VM ist die Begleitung von Familienangehörigen verschwundener Migrant*innen. Wie kam es dazu?

S.R.: Bereits vor gut einem Jahrzehnt wurden in der Grenzregion mit den USA viele sterbliche Überreste von Menschen gefunden. Es war jedoch oft kaum möglich, sie Familien zuzuordnen. Damals nahm das Argentinische Team für Forensische Anthropologie (EAAF) Kontakt zu VM, um über diese Situation zu sprechen. Unser Team ging darauf hier in die umliegenden Gemeinden und in die Grenzregion mit Guatemala. Es sprach mit der Bevölkerung über die Existenz einer genetischen Datenbank. Das Team erwähnte, die gefundenen Personen könnten aufgrund ihrer Physiognomie und anderer Merkmale aus dem Süden Mexikos oder dem Norden Zentralamerika stammen. Nach und nach erklärten sich Angehörige von verschwundenen Migrant*innen bereit, genetische Proben von sich zur Verfügung zu stellen. Heute haben wir gewissermassen die umgekehrte Situation. Wir begleiten Familienangehörige, die aktiv nach ihren Verschwundenen suchen.

Grundsätzlich begleiten wir die migrierende Bevölkerung in allen Momenten. Vom Beginn der Migration, dem Transit, bis zur Rückkehr. Nicht nur mexikanische Migrant*innen, sondern auch die anderer Nationalitäten. Wir wissen, dass viele Personen aus mittelamerikanischen Familien auf dem mexikanischen Territorium verschwinden. Wir stehen in Kommunikation mit Kollektiven, aber auch anderen Organisationen in Mittelamerika. Es gibt eine vom Staat festgelegte Grenzlinie. Doch in der Realität sind sich die Bevölkerungen von Chiapas, Guatemala und den anderen mittelamerikanischen Staaten immer sehr nahe gewesen. Unter ihnen hat es immer eine historische Migration in beide Richtungen gegeben. Die Bevölkerung sieht diese Grenze nicht, es gibt eine Identifizierung als mesoamerikanische Bevölkerung.

G.S.: VM bietet den Familienangehörigen verschwundener Migrant*innen eine psychosoziale Begleitung an. Was versteht die Organisation genau darunter?

Die psychosoziale Begleitung legt einen grossen Wert darauf, den Betroffenen zuzuhören. Einen Dialog zu führen, bei dem aber ihr Wort besonderes Gewicht hat. Es ist ein aktives Zuhören. Es geht darum, zu erfahren, was für die Familienangehörigen wichtig ist, was wir zusammen tun können. Sie müssen über diesen Schmerz, den sie spüren, sprechen und ihm trotzen können. Den Verlust der ihnen lieben Personen. Die Situation, nicht zu wissen, wo sich die verschwundenen Migrant*innen befinden und diese Ungewissheit aushalten zu müssen. Der Dialog soll auch dazu beitragen, zu einer Art Abschluss beizutragen. Wir arbeiten hauptsächlich mit indigener Bevölkerung und die psychosoziale Begleitung muss ihre Art respektieren, sich dem Verschwinden zu stellen. Das Zuhören wird mit dem Beten kombiniert. In letzterem ist der Glauben präsent, die Verschwundenen ausfindig zu machen. Je länger die Suche dauert, desto wahrscheinlicher wird es natürlich, dass die Verschwundenen nicht lebend auftauchen.

G.S.: Welche konkreten psychischen und physischen Auswirkungen machen sich bei den Familienangehörigen der verschwundenen Migrant*innen bemerkbar? Gibt es bestimmte Muster?

S.R.: Ein Aspekt der psychosozialen Begleitung ist das Lernen, sich auch um sich selbst zu kümmern. Es geht dann darum, die Folgen zu identifizieren, die sich bei Familieangehörigen bemerkbar machen. Es ist sowohl ein individueller als auch kollektiver Prozess. Übrigens auch für unser Team. Die Prozesse, die wir begleiten, hinterlassen ebenso Spuren bei uns.

Du fragst nach bestimmten Mustern. Wir treffen häufig auf das Phänomen der Schlaflosigkeit bei den Familienangehörigen verschwundener Migrant*innen. Vor allem bei einer langen, erfolglosen Suche. Oder Appetitlosigkeit, das Auftreten von Migräne. Wir müssen dann sehen, wie diese Personen sich besser um sich selbst sorgen können, ohne die Suche aufgeben zu müssen. Wir arbeiten viel mit alternativer Medizin, nutzen das Wissen der indigenen Bevölkerung über Heilpflanzen. Viele Familienangehörige träumen wiederholt von der Rückkehr der Verschwundenen. Der Traum steht für Glauben und Hoffnung, dass die Person lebt und eines Tages durch die Haustür hereinkommen wird. Das verdrängt oft die Möglichkeit, auch den Tod der Liebsten in Betracht zu ziehen.

Die alltägliche Traurigkeit, der sie sich Tag für Tag stellen müssen, ist eine starke Auswirkung. Immer sind die Erinnerungen präsent: Wie war die verschwundene Person? Was machte sie? Wie dachte sie? An welchen Orten hielt sie sich auf? Wenn das Verschwinden kurz zurückliegt, sind die Angehörigen oft sehr aktiv und haben viel Energie. Doch wenn die Zeit vergeht und die staatlichen Institutionen die Familienangehörigen durch ihre Behandlung oft selbst zu Opfern machen, hat das physische Auswirkungen. Die Suche ist permanent. Aber es gibt unterschiedlich intensive Phasen der Beteiligung. Wenn sie erklären, eine Pause einzulegen, so hört die Suche der Familienangehörigen doch nicht wirklich auf. Die Kommunikation mit anderen Suchenden geht sichtbar weiter, auch mit uns. Was wir ebenfalls beobachten: Oft brechen Angehörige von Verschwundenen andere Aussenkontakte ab.

Wir müssen auch die psychologischen Folgen im Familienumfeld, in der Gemeinde, erwähnen. Ein Bespiel: Wenn der migrierte Ehemann verschwindet, werden zurückgebliebenen Frauen von anderen Männern bedrängt. Oder innerhalb der Familie wird der Frau die Schuld gegeben, dass der Mann migrierte und nun nicht mehr zurückkommt. „Du warst eine schlechte Frau, du wolltest mehr Geld“. So etwas wird ihnen an den Kopf geworfen. Viele leben mit der Schwiegermutter zusammen. Das verschärft die Spannungen. Wenn eine Frau verschwindet, ist es vor allem die Mutter, die sich auf die Suche macht. Gleichzeitig kommt den Müttern oft die Rolle zu, für die Kinder der verschwundenen Töchter zu sorgen.

Dazu kommt das Schuldgefühl. Vor allem bei den Müttern. Hätte ich mehr auf mein Kind aufgepasst. Hätte ich ihm nicht erlaubt, hierhin oder dorthin zu gehen. Diese Klage, hätte, hätte… das ist sehr präsent. Das Schuldgefühl, nicht glücklich sein zu dürfen. Ich als Angehöriger darf nicht glücklich sein, darf nicht feiern. Dazu arbeiten wir bei der Begleitung mit den Familienangehörigen. Wir verdeutlichen: Das Verschwinden ist nicht ihre Schuld. Die Suche transformiert das Leben. Aber sie darf das Leben trotzdem nicht beschränken.

G.S.: Auf der Suche nach den Verschwundenen stehen die Familienangehörigen unter ständiger Anspannung. Ist es unter diesen Umständen manchmal eine Erleichterung, wenn der Tod verschwundener Migrant*innen sicher festgestellt wird und die sterblichen Reste identifiziert wurden?

S.R.: Die Familien suchen immer mit einer Beklemmung, in absoluter Ungewissheit. Wenn sie die sterblichen Reste finden, oder über den Fund benachrichtigt werden, ist das wie ein Abschluss. Ein Ende dieses Weges, dieser Beklemmung. Aber es wird eine neue Etappe eröffnet. Es kommt die Trauer und es kommen weitere Fragen: Was ist dem Angehörigen passiert? Wie ist er umgekommen, wo ist er umgekommen? Warum ist er gestorben? Auch: Seit wann ist er tot? Denn oft liegt der letzte Anruf lange zurück. Dann kommt sofort der Zweifel: Hat die Person sich nicht mehr gemeldet, weil sie umkam? Oder ist irgend etwas Anderes passiert zwischen ihrem Verschwinden, ihrem letzten Lebenszeichen und ihrem Tod? Aber sicher ist es so, dass sich mit der Todesnachricht ein Zyklus schliesst. Es kann ein Stück Seelenfrieden für die Familienangehörigen bedeuten. Einige von ihnen bleiben bei den Kollektiven, um zu helfen, dass andere Mitglieder ihre Angehörigen finden können. Andere ziehen es vor, nicht weiter mitzumachen, wirklich zu einem Abschluss zu kommen.

G.S.: Du erwähnst den „letzten Anruf“. Ist die Kommunikation heute mit Handys nicht viel einfacher?

S.R.: Voces Mesoamericanas arbeitet mehrheitlich mit Migrant*innen und deren Familienangehörigen aus Chiapas. Die meisten kommen aus Landgemeinden. Oft haben die Handys dort ganz schwachen Empfang. Die Leute haben noch die ganz alten Handys ohne Internetverbindung. Kommunikation gibt es daher nur über den direkten Anruf oder SMS. Einige wenige haben die Verbindung über Satelliten, müssen sich aber einen hohen Baum oder einen Hügel aussuchen, wo es Empfang gibt. Das ist die Realität vieler Familien. Eine weitere Realität: Wenn sich die Migrant*innen von unterwegs melden, dann nennen sie meistens die Bundesstaaten, in denen sie sich gerade befinden, aber nicht den Landkreis. Dann hören wir von den Angehörigen der Verschwundenen: Er sagt mir, er sei in Sonora, in Chihuahua. Aber wo genau? In der Regel gibt es aber Kommunikation mit der Familie. Die Suche beginnt, wenn diese Kommunikation abbricht.

Es gibt Fälle, wo Migrant*innen nach längerer Zeit ohne Kommunikation zurückkehren. Ich kenne persönlich einem Fall, wo ein junger Mann die Telefonnummer der Familie auf einem Stück Papier notiert hatte und dieses Papier verlor. Erst als er in den USA genug Geld zusammen hatte, kehrte er zurück nach Mexiko und schlug sich bis in seine Gemeinde durch. Sicherlich gibt es auch vereinzelte Fälle von Personen, die sich aus Scham nicht bei ihren Familien melden. Weil sie keine remesas, keine Überweisungen schicken konnten, obwohl sie doch nach einem besseren Leben suchten.

G.S.: Welche legalen, aber vor allem effektiven Massnahmen müsste es geben, um das Risiko des Verschwindenlassens zu mindern?

S.R.: Ein Anfang wären sicherlich mehr Chancen in den Ursprungsregionen, damit die Personen nicht gezwungen werden, zu migrieren. Und oft weder den Kontext noch die Territorien kennen. Wichtig ist die Stärkung der Netzwerke zur Unterstützung. Ein Teil der Personen migriert alleine. Manchmal mit den Familien, mit Verwandten, aber ohne Unterstützung auf den verschiedenen Stationen des Weges. Oft haben die Migrant*innen Vertrauen, wenn ihnen eine vermeintliche hilfreiche Hand ausgestreckt wird. Doch sie treffen auf das Drogengeschäft, die Gewalt und werden buchstäblich überwältigt. Dazu kommt im Norden Mexikos das Phänomen des Menschenhandels, der Zwangsarbeit unter sklavenähnlichen Bedingungen ohne Kommunikationsmöglichkeiten. Ein flächendeckendes unterstützendes Netzwerk kann die Möglichkeit zur Kommunikation oder einer tatsächlich helfenden Hand auf dem Weg bieten. Ich möchte betonen: Migration ist ein Recht. Aber was bleibt von diesem Recht, wenn die Migration nicht aus freier Entscheidung, sondern aus Not geschieht?

G.S.: Mit der Covid-Pandemie sind die Migrant*innenbewegungen stark reduziert worden. Welche Einschätzung gibt es für die Zeit danach?

S.R.: Viele Personen bereiten sich jetzt schon auf die Migration vor. Wir erwarten einen erheblichen Anstieg sowohl der internen Migration als auch in Richtung USA. Hier in Chiapas ist alles teurer geworden. Viele kleine Geschäfte mussten schliessen. Viele haben keine Arbeit mehr. Der lokale Handel ist stark betroffen, der Verkauf von indigenem Kunsthandwerk, der zum Unterhalt der Familie beiträgt. Da wird die Migration noch mehr eine Option. Wenn wir mit Organisationen in Mittelamerika sprechen, so berichten sie ähnliches. Die Migration wird ansteigen. Darauf sind wir nicht vorbereitet.

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