Die Person ist abwesend und doch nicht abwesend. Du selber stehst vor einem Konflikt: Gehe ich vom Tod der Person aus, bringe ich sie damit um. Gleichzeitig täusche ich mich vielleicht selbst. Die Familienangehörigen leiden enorm unter dieser Konstellation. Sie haben Schuldgefühle, weil sie zur Migration ermutigten. Weil die Armut sie zwang. Oder weil sie nicht wollten, dass sie weggingen.

Gerold Schmidt   September 3.  2020

Interview mit Judith Erazo, Forscherin des guatemaltekischen Teams für Gemeindebasierte Studien und Psychosoziale Aktion (ECAP). Das Interview führte Gerold Schmidt am 12. August 2020.

G.S.: Judith, kannst du kurz ein paar Worte zu ECAP sagen?

J.E.: ECAP entstand 1997 nach dem Friedensabkommen in Guatemala als ein Zusammenschluss von mehreren Psycholog*innen. Zu den Gründungsmitgliedern gehörte auch ein Priester aus Rabinal. [1] Alle waren sich einig über den Bedarf, mit den Gemeinden, den Überlebenden und Opfern des internen bewaffneten Konfliktes zu arbeiten. Wir begleiteten die Suche nach Verschwundenen, die Exhumierungen. Im Rahmen der psychosozialen Begleitung ging es darum, eine historische Erinnerung zu bewahren, die soziale Kohäsion neu aufzubauen. ECAP hat Zeug*innen und Überlebende bei den emblematischsten Justizprozessen betreut. Diese Arbeit hat bis heute Bestand.

Ab 2015 widmen wir uns zusätzlich dem Migrationsthema. Anstoß war der Austausch mit Organisationen in Mexiko, die mit Familienangehörigen Verschwundener arbeiteten. Wir berichteten über unsere Erfahrungen der Begleitung. Gleichzeitig erfuhren wir von vielen aktuellen Fällen verschwundener guatemaltekischer Migrant*innen in Mexiko. Wir begannen mit einer Liste, die auf Anzeigen über verschwundene Migrant*innen beim Büro des Ombudsmannes beruhten. So kamen wir damals mit etwa 190 Familien in Kontakt. Sie waren über das ganze Land verstreut. Wir haben versucht, die Familienangehörigen nach und nach in Gruppen zusammenzubringen. Inzwischen sind sie in sechs Regionen organisiert.

Wir arbeiten seit mehreren Jahren mit Komitees in Guatemala, El Salvador, Honduras, Nicaragua und dem Süden Mexikos zusammen. Dabei geht es darum, minimale Regeln für die Suchprozesse zu entwickeln. Dazu haben wir das Internationale Komitee vom Roten Kreuz einbezogen. Wir haben die Situation der Familienangehörigen untersucht, einen Leitfaden für die Begleitung entwickelt, verschiedene Dokumente verfasst. Viele davon sind auf der Website von ECAP zu finden.

G.S.: Guatemala hat eine mehrheitlich indigene Bevölkerung. Spiegelt sich dies so bei den Migrant*innen und Verschwundenen wieder? Migriert auch die Ladino-Bevölkerung? [2]

J.E.: Ja, die Mehrheit sind Indígenas. Aber aus dem Landesosten oder von der Küste migrieren vor allem Ladinos. Es gibt verschwundene Migrant*innen, die aus der Hauptstadt stammen. In letzterem Fall haben wir es aber nie geschafft, die Familienangehörigen zu organisieren.

G.S.: Die mexikanischen Migrant*innen, die in die USA wollen oder Binnenmigrant*innen sind, wissen in etwa, was auf sie zukommt. Über die zentralamerikanischen Migrant*innen und ihre Familien wird häufiger berichtet, dass sie nicht so informiert sind. Kannst du das für Guatemala bestätigen?

J.E.: Wir haben Familien getroffen, die tatsächlich absolut uninformiert waren. Vor allem die Frauen. Die Männer wussten ein bisschen mehr. Genauso kennen wir Personen, für die es der zweite oder dritte Migrationsversuch ist. Die deportiert wurden. Sie kennen die Risiken. Trotzdem machen sie sich wieder auf den Weg. In dem Paket, das die Schlepper jungen Frauen anbieten, ist oft bereits eine Hormonspritze als Verhütungsmittel enthalten. Die Möglichkeit sexueller Gewalt gegen sie wird von Anfang an einkalkuliert. In anderen Fällen sind es die Eltern selbst, die minderjährige Mädchen vor dem Transit ins Gesundheitszentrum bringen, damit sie dort die Spritze bekommen. Wir haben Fälle von später deportierten Kinder, die überhaupt keine Idee hatten, was sie erwartete. Wissen und Unwissenheit hängen ab von Migrationserfahrungen in der Familie, bestehenden Kontakten. Ob es sich um eine Gemeinde mit vielen oder wenigen Migrierenden handelt. Generell können wir im letzten Jahrzehnt eine zunehmende Feminisierung der Migration feststellen. Und im Zusammenhang mit den Karawanen des vergangenen Jahres migrierten komplette Familien bis hin zu den Großeltern. Das hat es zuvor nicht so gegeben.

G.S.: In den Suchkollektiven von Familienangehörigen Verschwundener in Mexiko dürften die Mitglieder etwa zu 90 Prozent Frauen sein. Zumindest sind es fast immer Frauen, die die führende Rolle bei der Suche haben. Ist dies in Guatemala genauso?

J.E.: Das ist hier anders. Ich hatte anfangs ebenfalls diese Vorstellung von den suchenden Müttern. Vor allem in den indigenen Familien ist es jedoch nicht nur die Mutter, die sucht, es sind beide Eltern. Sie machen alles als Familie, sogar als erweiterte Familie. In den indigenen Familien haben die Frauen schlechtere Bildungschancen, schlechteren Informationszugang und weniger Mobilität. Daher sind es häufiger die Männer, die Behördengänge unternehmen. Der Analphabetismus, die Sprache spielen eine Rolle. Bei den Ladinos sind mehr die Frauen, die Mütter, aktiv.

G.S.: Wie sieht die konkrete psychosoziale Begleitung aus?

J.E.: Die Arbeit in und mit den organisierten Gruppen ist ein längerer Prozess. Nicht etwa drei Sitzungen und dann ist Schluss. Wir motivieren die Familienangehörigen, ihre Erfahrungen zu teilen, eine Katharsis durchzuführen. Die Gruppe lernt nach und nach, die anderen zu unterstützen. Die Familien haben ganz unterschiedliche Wege hinter sich. In einigen Fällen sind ihre Kinder bereits in Mexiko eingeäschert worden, ihnen wurde die Asche übergeben. Doch es gab keinerlei Gewissheit, Beweise für sie, dass es ihre Kinder waren. Obwohl sie die Asche begruben, suchten sie weiter. In anderen Fällen tauchten die Leichen auf. Sie wurden in geheimen Gräbern gefunden, beispielsweise als Folge der Massaker von San Fernando [2010] im mexikanischen Bundesstaat Tamaulipas und Cadereyta [2012] im Bundesstaat Nuevo León. Einige Familienangehörigen wurden in Mexiko bei der Opferkommission vorstellig. Manchmal werden den Angehörigen Fotos gezeigt. Sie müssen Behörden besuchen, treffen auf Bürokratie. Den Autoritäten fehlt es hier wie dort an Sensibilität. Das ist hart. Je nach Fall bleiben wir dabei, mit unseren Psycholog*innen, begleiten bis nach Mexiko. Wir koordinieren unsere Arbeit mit der Stiftung für Gerechtigkeit und demokratische Rechtsstaatlichkeit (FJEDD).

G.S.: Wie reagieren die Familienangehörigen, wenn Migrant*innen aus ihrem Kreis verschwinden?

In den Gruppen ist es ein Lernprozess. Am Anfang steht immer die Einstellung: Die Verschwundenen leben. Wir müssen sie suchen. Je mehr die Angehörigen über andere Fälle erfahren, lernen sie. Sie erfahren über die Benachrichtigungen, die Rückführung von sterblichen Überresten. Es ist ein kollektiver Prozess. Einige Familienangehörige erzählen, wie es ihnen erging. Sie berichten über Maßnahmen, die ergriffen werden müssen. Die anderen hören unterdessen zu. Die Möglichkeit, dass der eigene verschwundene Angehörige umgekommen sein könnte, nimmt dabei Gestalt an. Am Anfang wird dies geleugnet. Es ist die Hoffnung, ihn oder sie lebend zu finden, die antreibt. Die Gruppen sind sehr vielfältig zusammengesetzt. Es kommen neue Mitglieder dazu, die von einer Gruppe gehört haben. Dort erfahren sie unter Umständen erstmals, dass das Verschwindenlassen angezeigt werden kann. Auch das gehört zur psychosozialen Begleitung, also etwas viel Weitgreifenderes als eine Therapie.

G.S.: Du hast den bestätigten Tod, die bestätigte Ermordung von Migrant*innen erwähnt. Und die Fälle, in denen es völlige Ungewissheit über die Verschwundenen gibt. Was ist schlimmer ist für die Familienangehörigen?

J.E.: Ich glaube, die Ungewissheit. Dieses Weitersuchen. Immer möchten die Angehörigen glauben, ihre Liebsten leben und in dieser Erwartung suchen sie. Die Theorie des zweideutigen Verlustes [pérdida ambigua] beschreibt diese Situation vielleicht einigermaßen. Die Person ist abwesend und doch nicht abwesend. Du selber stehst vor einem Konflikt: Gehe ich vom Tod der Person aus, bringe ich sie damit um. Gleichzeitig täusche ich mich vielleicht selbst. Die Familienangehörigen leiden enorm unter dieser Konstellation. Sie haben Schuldgefühle, weil sie zur Migration ermutigten. Weil die Armut sie zwang. Oder weil sie nicht wollten, dass sie weggingen. Da spielt viel von der vorherigen Familiensituation hinein. Wir sehen psychosomatische Störungen: Depression, Beklemmung, vielfältige Reaktionen. Wir sehen aber auch, dass die psychosoziale Begleitung helfen kann, Schmerz und Leiden besser zu verarbeiten.

Die andere Situation ist die, wenn Gewissheit besteht. Ich habe mehrere solche Fälle begleitet. Trotz DNA-Proben, Sterbeurkunden: Der Trauerprozess fängt oft erst in dem Moment an, in dem die Angehörigen die Leiche sehen, sie identifizieren. Ich erinnere mich an eine Frau, die ihren Sohn anhand einer von ihr bestickten Unterwäsche identifizierte. Wenn die Ungewissheit weg ist, kann der Verlust akzeptiert werden. Du kannst die Überreste begraben, Blumen auf das Grab stellen. Wenn ich es kulturell betrachte, so kann dann eine sozial begleitete Trauer stattfinden. Damit will ich nicht sagen, dass es kein Leiden mehr gibt, aber es ist eine andere Situation. Danach kommt der Gedanke an Gerechtigkeit. Wer war für den Tod verantwortlich? Der Wunsch nach einer Bestrafung, der sich vor allem bei Männern äußert. Das ist wieder eine andere Phase.

G.S.: Es gibt viele Berichte, dass die Familienangehörigen häufig von ihren Verschwundenen träumen, von deren Rückkehr träumen. So wird eine Hoffnung aufrechterhalten. Deckt sich das mit Deinen Erfahrungen?

E.J.: Das kommt tatsächlich in allen Gruppen vor. Die indigene Bevölkerung gibt den Träumen noch einen anderen Sinn. Für sie sind die Träume eine Form, mit ihren Vorfahren zu kommunizieren. Das geschah schon im Zusammenhang mit dem bewaffneten internen Konflikt. Wir diskutieren in der Gruppe, wie sie den Traum interpretiert. Es geht darum, die Botschaft zu entdecken, die ihrem Glauben, ihrer Wahrnehmung nach der Verschwundene im Traum übermittelt.

Ich erinnere mich an einen sehr interessanten Fall aus der Zeit des bewaffneten Konfliktes. Es ging um die verschwundene Tochter einer Frau. Die Suche nach ihr war vergeblich, bei Exhumierungen wurde der Körper nicht gefunden. Die Gruppe interpretierte den Traum der Mutter so, dass die Tochter nicht auftauchte, weil sie nackt war. Solange keine weiblichen Anthropologinnen nach ihr suchen würden, würde sie nicht auftauchen. Wir mussten das dem Suchteam klarmachen: Das ist das, was die Frauen, die Mutter, glauben. Bitte lasst Frauen suchen. Ich selber glaube nicht daran, aber ich respektiere das. Als Psycholog*innen müssen wir respektieren, was die Personen glauben, möchten. Tatsächlich tauchte der Körper auf. Für die Frauen war das eine Bestätigung ihres Glaubens. Bei der Arbeit muss der kulturelle Zugang genau beachtet werden. In unserem Team sind viele Indígenas verschiedener Ethnien. Von den Promotor*innen für die mentale Gesundheit bis hin zu den Psychologinnen. Wir mussten uns alle weiterbilden.

G.S.: Du hast mehrfach den bewaffneten internen Konflikt in Guatemala erwähnt. Welche Unterschiede gibt es zwischen dem damaligen Verschwindenlassen und dem Verschwinden von Migrant*innen?

J.E.: Im bewaffneten Konflikt gab es eine Gewissheit bezüglich des gewaltsamen Verschwindens. Es war das Militär. Oder es war die Polizei. Es gab Zeugen, es gab Information. Bei der Migration ist das komplexer. Du weißt nicht wirklich, was passierte. Fiel jemand in die Hände der Drogenmafia? War die Polizei verantwortlich? Gab es einen Unfall? Es besteht die Möglichkeit verlorener Telefone, von Ortswechseln, die zu unfreiwilliger Isolierung und Kontaktabbruch führen. Ganz, ganz selten sind die Fälle, in denen die Migrant*innen keinen Kontakt mehr mit den Familienangehörigen wollen. Ich kenne vielleicht drei, vier Fälle. Den eines jungen Mannes, der als Auftragsmörder arbeitete, aus seiner Situation nicht herauskam und nicht wollte, dass seine Mutter davon erfuhr. Den einer junger Frau, die als Prostituierte arbeitete. Auf solche Fälle ist auch die Karawane der zentralamerikanischen Mütter gestoßen. Aber wie gesagt, das sind die wenigsten Fälle. Die Behörden sagen häufig, die Migrant*innen wollten den Kontakt mit ihren Familienangehörigen nicht. Das ist ihr Vorwand, um nicht zu suchen, nicht aktiv zu werden.

Was bei den Karawanen der Mütter interessant ist: Sie finden Migrant*innen in den Gefängnissen. Die Suche dort müsste verstärkt und besser organisiert werden. Das Problem ist, dass sich die Häftlinge manchmal andere Namen zulegen oder die Gefängnisleitungen die Liste der Insassen nicht herausgeben. Über Fotos sind Personen in den Haftanstalten gefunden worden. Auch in Krankenhäusern, psychiatrischen Anstalten, in Migrant*innenherbergen. Ich glaube, die Suche nach Lebenden muss ausgeweitet werden. Aber es bedarf dazu viel politischen Willens und Initiative. Da bleibt viel zu wünschen übrig.

 

[1] Im Landkreis Rabinal, Provinz Baja Verapaz, fand am 18. Juli 1982 in der Gemeinde Plan de Sánchez eines der schlimmsten Massaker unter der Militärregierung von General Ríos Montt statt.

[2] Nachkommen der europäischstämmigen und indigenen Bevölkerung.