Amnesty International dokumentierte seit Juli 2024 mindestens 15 Fälle von gewaltsamen Verschwindenlassen von denen 11 Personen bis heute verschwunden sind, darunter auch ausländische Staatsangehörige. Die NGO legt in ihrem Bericht dar, dass die Regierung insbesondere politische Gegner*innen systematisch verschwinden lässt und stuft das Vorgehen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein.
Publikationen | Eine universelle Antwort auf ein komplexes Problem?
Grażyna Baranowska der Universität Erlangen-Nürnberg und Milica Kolaković-Bojović des Institute of Criminological and Sociological Research in Belgrad haben gemeinsam den Sammelband „Enforced Disappearances – On Universal Responses to a Worldwide Phenomenon“ herausgebracht. Darin werden die verschiedenen Aspekte und Reaktionen der Vereinten Nationen und ihrer Gremien auf das globale Phänomen des Verschwindenlassens mit seinen lokalen Besonderheiten behandelt. Thematisiert werden zentrale Herausforderungen wie Entschädigungen, Rechte von Familien, die Beteiligung nichtstaatlicher Akteure und der Kontext von Migration.
Feature | Afrikanische Staaten und das gewaltsame Verschwindenlassen
Die Südafrikanische Zeitung Mail&Guardian veröffentlichte eine interessanten Überblick und zog Parallelen zum Thema des gewaltsamen Verschwindenlassens auf dem afrikanischen Kontinent. Genannt werden Beispiele u.a. aus Angola, Burkina Faso, Burundi, Guinea, Kenia, Mali, Niger, Simbabwe und Tansania.
WGEID | 1325 Fälle bearbeitet
Die UN-Arbeitsgruppe gegen gewaltsames oder unfreiwilliges Verschwindenlassen (WGEID) traf sich für ihre 137. Sitzung vom 15. bis 24. September 2025 in Genf. Dabei prüften die Mitglieder 1.317 Fälle aus 44 Ländern sowie acht Fälle, die Handlungen betreffen, die dem gewaltsamem Verschwindenlassen gleichkommen und von nichtstaatlichen Akteuren verübt wurden.
CED | Liquiditätskrise führt zu Kürzungen
Die 29. Sitzung des UN-Ausschuss gegen das gewaltsame Verschwindenlassen (CED) fand vom 22. September bis 2. Oktober 2025 in Genf statt. Dabei wurden die Berichte über Sri Lanka, Benin und Montenegro geprüft. Auch die Verkürzung der Sitzungszeit der aufgrund der Liquiditätskrise wurde dabei problematisiert. Die Arbeit des Ausschusses habe in den letzten Jahren stark zugenommen, die Zahl der im Ausschuss zwischen September 2020 und heute registrierten Dringlichkeitsfälle war in den letzten fünf Jahren um mehr als 120 Prozent gestiegen und wuchs von 969 auf 2.133, darunter 145 Fälle seit der letzten Sitzung. Juan Pablo Alban Alencastro aus Ecuador wurde zum neuen Ausschussvorsitzenden ernannt. Die zahlreichen eingereichten Beiträge des vergangenen Call for Inputs zum Thema Frauen, Mädchen und gewaltsames Verschwindenlassen finden sich mittlerweile hier.
Israel / Palästina | Palästinenser an den Lebensmittelverteilungszentren verschwunden
UN-Expert*innen, darunter mehrere Mitglieder der UN-Arbeitsgruppe gegen gewaltsames oder unfreiwilliges Verschwindenlassen (WGEID), verurteilen das Verschwindenlassen hungernder Palästinenser*innen an Lebensmittelverteilungsstellen in Gaza. Die NGO Defense for Children International – Palestine (DCIP) dokumentierte Fälle bei denen auch einige Kinder betroffen sind. Die NGO Mena Rights Group mit Sitz in Genf veröffentlichte auf ihrer Seite Informationen zu den Fällen einiger verschwundener Männer an den Lebensmittelausgabestellen, wie z.B. den Fall des 16-jährigen Abdulraouf Ayman Abdulhamid al-Hems und anderen.
Mexiko | Massengräber, Reformen und der Einsatz von Angehörigen für Gerechtigkeit
Nach dem der UN-Ausschuss gegen das gewaltsame Verschwindenlassen (CED) im April erstmals in der Geschichte Artikel 34 der UN-Konvention gegen das gewaltsame Verschwindenlassen gegenüber Mexiko aktivierte (wir berichteten) hat sich einiges getan.
Kolumbien | Ambivalente Übergangsjustiz und das Vermächtnis von Yanette Bautista
Die kolumbianische Sonderjustiz für den Frieden (JEP) hat Ende Mai 2025 entschieden, die Strafverfolgung gegen 34 Militärs einzustellen, die für außergerichtliche Hinrichtungen und gewaltsames Verschwindenlassen verantwortlich gemacht werden. Damit werden nicht nur Ermittlungen beendet, sondern auch Gerichtsakten gelöscht. Besonders umstritten ist die Entscheidung, da sie auch sechs Militärs betrifft, die am Fall von Fair Leonardo Porras Bernal beteiligt waren – einem von über 6.400 dokumentierten „falsos positivos“, bei denen Zivilist*innen ermordet und als gefallene Guerilla-Mitglieder ausgegeben wurden. Opferverbände, Anwaltskollektive und Menschenrechtsorganisationen kritisieren dies als eine „de facto Amnestie“ für schwere Menschenrechtsverbrechen.
USA | Praktiken des Verschwindenlassens im Kontext der US-Abschiebepolitik
Das Center for Human Rights der Universität von Washington dokumentiert in einem ausführlichen Bericht das Ausmaß des gewaltsame Verschwindenlassens im Rahmen der US-Abschiebepolitik im Bundesstaat Washington. Menschen werden ohne Zugang zu Anwälten, Familie oder Informationen über ihren Aufenthaltsort inhaftiert oder abgeschoben. Besonders gefährdet sind Personen mit Strafregistereinträgen, Tattoos oder bestimmter Nationalitäten.
Österreich | Verschwinden eines nach Syrien abgeschobenen Mannes
Österreich hat im Juli diesen Jahres das erste Mal seit 15 Jahren einen Mann nach Syrien abgeschoben, obwohl dessen Asylverfahren noch nicht endgültig abgeschlossen war. Er galt als IS-Sympathisant. Seit seiner Zwischenlandung in Istanbul fehlt von ihm jede Spur. Die Deserteurs- und Flüchtlingsberatung, die den Mann in seinen Verfahren begleitete, geht davon aus, dass der 32-jährige nicht untergetaucht, sondern in Gewahrsam genommen wurde, wie der Standard berichtet. Der UN-Ausschuss gegen das gewaltsame Verschwindenlassen forderte Österreich auf, diplomatische Schritte zu unternehmen um seinen Aufenthaltsort, Haftbedingungen und eine humane Behandlung sicherzustellen.




