Zum Internationalen Tag der Opfer des Verschwindenlassens

Sichere Migrationsrouten schaffen – Migrantinnen und Migranten schützen

Täglich verschwinden Menschen gewaltsam. Migrantinnen und Migranten sind diesem Verbrechen besonders schutzlos ausgeliefert, die Suche ihrer Angehörigen kennt keine Grenzen.

 

Die Hintergründe des gewaltsamen Verschwindenlassens sind vielfältig, Gemeinsam ist ihnen, dass niemand etwas über den Verbleib der Opfer weiss und staatliche Institutionen die Suche nach den Opfern unterlassen. Besonders schutzlos sind Migrant*innen, da sich niemand für ihr Schicksal verantwortlich fühlt. So werden afrikanische Migranten und Migrantinnen in libyschen Abschiebeeinrichtungen unter menschenunwürdigen Bedingungen gefangen halten. Rohingya aus Myanmar werden gezwungen, in Fischfabriken auf Fangschiffen zu arbeiten, Mitarbeitende mexikanischer Migrationsbehörden verkaufen Migrantinnen und Migranten an Banden der organisierten Kriminalität. Auf dem Weg werden die schutzlosen Menschen willkürlich verhaftet, entführt oder versklavt, verdursten in der Wüste oder ertrinken im Mittelmeer. Neben staatlichen Akteuren, die sich unliebsamer Oppositionspolitiker, unbequemer Vertreter von Medien, Justizwesen oder sozialer Bewegungen entledigen wollen, sind es inzwischen auch privatwirtschaftliche Akteure oder Banden der organisierten Kriminalität, die für diese Taten verantwortlich sind. Die Menschen, die heute millionenfach versklavt werden, verschwinden einfach. Niemand erfährt von ihrem Verbleib. Es sind die Familienangehörigen, die sich auf die Suche machen. Staatliche Unterstützung im Heimat- oder Transitland bleibt ihnen meist verwehrt.

Staaten sind verpflichtet, Migranten und Migrantinnen zu schützen und in Fällen von Verschwindenlassen aktiv nach ihnen zu suchen und ihren Verbleib festzustellen. Aus ganz Zentralamerika treffen sich inzwischen jährlich Familienangehörige Verschwundener, um gemeinsam in Mexiko nach ihren Angehörigen zu suchen. Sie gehen in Haftanstalten oder Krankenhäuser und hoffen auf ein Lebenszeichen ihrer Angehörigen. Manchmal bleibt nur noch die Suche und Identifizierung sterblicher Überreste, um Gewissheit über den Verbleib der verschwundenen Person zu erhalten. So wie in den Fällen von fast 20.000 Menschen, die in den letzten sechs Jahren im Mittelmeer ertrunken oder verschwunden sind.
Europa trägt eine Mitverantwortung am Verschwinden tausender Menschen, ob in der Wüste oder im Mittelmeer. Solange es keine sicheren und legalen Migrations- und Fluchtwege gibt, sind Menschen gezwungen, ihr Leben zu riskieren. Die Zusammenarbeit mit teils menschenrechtsverachtenden Regimen an den europäischen Außengrenzen ist vor allem auf Migrationsabwehr ausgerichtet. Diese Politik aber läuft Gefahr, gerade die Bedingungen zu zementieren, die Menschen in die Flucht treiben.

Die Fachleute und Familienangehörige fordern die Staaten zur Umsetzung der Internationalen Konvention zum Schutz vor dem gewaltsamen Verschwindenlassen auf. Die Konvention verlangt die Schaffung eines Strafbestandes für gewaltsames Verschwindenlassen, die Stärkung von staatlichen Such-, Ermittlungs- und Strafverfolgungskapazitäten und die Wiedergutmachung für das Leid von Opfern und Angehörigen. Migrantinnen und Migranten sind besonderen Gefahren ausgesetzt. Behörden sollten als Ansprechpartner für Familienangehörige zur Verfügung stehen, Suchaktionen weiter fortgesetzt und Datensätze verschwundener Migrantinnen und Migranten abgeglichen werden.

Der Internationale Tag der Verschwundenen wird jedes Jahr am 30. August begangen. Er erinnert an das Schicksal von Menschen, die im Auftrag oder mit Duldung von staatlichen Akteuren inhaftiert oder entführt werden, während die Angehörigen im Unklaren über deren Verbleib gelassen werden. Der Gedenktag wurde 2010 von den Vereinten Nationen beschlossen und erstmals 2011 begangen. 

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Foto: © Families for Freedom